Bilder zum Nulltarif? Rückkehr ohne Kauf: Was über den Weg der Gothaer Gemälde bekannt ist

In dieser Woche ist es so weit: Die 1979 gestohlenen Gemälde Alter Meister, die vor 40 Jahren in Gotha verschwanden, werden nach ihrer Rückgabe der Öffentlichkeit präsentiert. Auch wenn die Bilder zurückkehren - viele Fragen rund um den spektakulären Kunstdiebstahl sind noch offen. MDR THÜRINGEN fasst zusammen, was über den Weg der wertvollen Gemälde bisher bekannt ist - und was nicht.

von Sandra Voigtmann

Das Gemälde "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals
Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals gehört zu den wieder aufgetauchten Gemälden aus Gotha. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein

Für die fünf wieder aufgetauchten Gemälde des als "Kunstraub von Gotha" bekannt gewordenen Bilderdiebstahls wurde nach Informationen von MDR THÜRINGEN kein Kaufpreis an die Erbengemeinschaft gezahlt. Details zu den Rückgabeverhandlungen werden laut Ernst von Siemens Kunststiftung am Freitag in Berlin veröffentlicht. Dann sind auch die Bilder erstmals wieder zu sehen. Mehr als 40 Jahre ist es dann her, dass die Öffentlichkeit die originalen Gemälde sehen konnte. Nur wenige haben sie in den vergangenen vier Jahrzehnten zu Gesicht bekommen. Wer genau zu diesem erlauchten Kreis gehört, ist eines der Geheimnisse in diesem Fall.

Diebstahl der Gemälde aus Gotha ungeklärt

Die Verlustliste der Gemäldesammlung auf Schloss Friedenstein in Gotha ist lang. Fünf Gemälde wurden im Dezember 1979 gestohlen. Es handelt sich um Bilder von Frans Hals, Anthonis van Dyck, Jan Brueghel dem Älteren, Jan Lievens und Hans Holbein dem Älteren. Es war der größte und spektakulärste Kunstdiebstahl in der Geschichte der DDR. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt. Die Täter wurden nie gefasst und strafrechtlich ist die Sache bereits verjährt. Ein spannender Krimi bleibt der Fall trotzdem. Denn bis heute ist unklar, welchen Weg die Bilder seit dieser Diebstahlsnacht genommen haben, bis sie dann im Sommer 2018 über einen Anwalt der Stiftung Schloss Friedenstein angeboten wurden.

Thüringen

Der Raum im Schlossmuseum, aus dem die Gemälde gestohlen wurden. 2 min
Bildrechte: MDR/BStU

Der Kunstraub von Gotha war der spektakulärste in der Geschichte der DDR. Mit selbstgebauten Steigeisen kletterten die Diebe in einer verregneten Nacht am Blitzableiter am Schloss Friedenstein nach oben.

Di 14.01.2020 13:00Uhr 01:35 min

https://www.mdr.de/thueringen/west-thueringen/gotha/video-kunstraub-gotha-gemaelde-diebstahl-ddr-rueckkehr-100.html

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Kunstdiebstahl von Gotha: Was passierte im Dezember 1979?

Es war eine verregnete dunkle Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1979. Mit Steigeisen über einen Blitzableiter und dann durch ein Fenster stiegen die Täter in die zweite Etage des Schlossmuseums ein. Bereits 1978 hatte es in und um Gotha eine Einbruchserie in Kirchen und ein Uhrengeschäft gegeben, bei der es die Diebe auf Kunstgegenstände abgesehen hatten. Dreimal versuchten Unbekannte auch, ins Schlossmuseum in Gotha einzubrechen - Ende 1979 gelang es ihnen. Dabei wurden die fünf Gemälde samt Rahmen gestohlen. Das sei ungewöhnlich, sagen Experten. Üblicherweise würden Kunstdiebe wegen des besseren Transports die Bilder aus den Rahmen trennen oder schneiden. Nicht so in Gotha. Beim Diebstahl stürzte eines der Bilder - das Gemälde der Heiligen Katharina - in die Tiefe. Dabei ging der Rahmen zu Bruch.

Thüringen

Gotha Spektakulärer Kunstraub: Diese Gemälde sind wieder da

Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals
Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" ist ein Werk des Niederländers Frans Hals und seiner Werkstatt. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren
Die "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren entstandt um 1509/1510. Dargestellt ist vermutlich die Tochter eines 1478 hingerichteten Ratsherrn. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Selbstbildnis mit Sonne" von Anthonis van Dyck
Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von Anthonis van Dyck. Bei dem Werk handelt es sich um eine Kopie des 1632 bis 1633 entstandenen Selbstportraits. Das Original befindet sich in der privaten Sammlung des Duke of Westminster. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren
Die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren kam unter Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg in die Kunstkammer. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
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Die Polizei wurde am 14. Dezember 1979 um 7:10 Uhr über den Diebstahl informiert. Wegen der Größe des Gebäudes mussten noch Kräfte zur Absicherung angefordert werden. Den Polizisten fiel erst ein fehlendes Gemälde auf, dann schnell auch die anderen vier. Mithilfe von Spürhunden wurde versucht, den Weg der Diebe vom Museum aus nachzuvollziehen.

Im Lkw über Nacht nach Westdeutschland?

Die Täterspuren führten bis zu einem Parkplatz an den Kastanien am Alten Schlachthof. Dort gab es einen Lkw-Standplatz, auf dem auch immer Laster einer Fleischfabrik aus Rosenheim parkten. Von Gotha aus gingen Tiertransporte mit Kühen und Schafen nach Bayern. Auch am Abend des Diebstahls stand dort laut Exportbuch ein solcher Lkw mit grünem Fahrerhaus. Eine Version wäre also, dass die Bilder noch in der Nacht über die Grenze nach Westdeutschland gebracht wurden. Da die Laster in Gotha bereits verplombt wurden, durften sie die Grenze ohne weitere Kontrolle passieren.

Welchen Weg die Bilder aber tatsächlich genommen haben, wurde bis heute nicht ermittelt. Bis März 1980 waren 100 Kriminalisten mit dem Fall beschäftigt. Danach wurde die Einheit verkleinert. Mehr als 1000 Zeugen wurden befragt. Die Staatssicherheit hat die Ermittlungen nicht gefördert, sondern eher sogar behindert, heißt es von Augenzeugen, die mit dem Fall zu tun hatten. Eine Akte der Staatssicherheit wurde 1984 geschlossen. 90 Prozent der Polizeiakten von damals sind verschwunden.

Gerüchte um Beteiligung von Stasi und Koko der DDR

Seit 1979 ranken sich zahlreiche Gerüchte um den Gothaer Kunstdiebstahl. Hat die Staatssicherheit den Diebstahl beauftragt? Hängt die Koko - also der Bereich "Kommerzielle Koordinierung" im ehemaligen Außenhandelsministerium der DDR - mit drin? Vieles spricht dafür. Beweisen allerdings konnte dies bisher niemand. Seit wann befanden sich die Gemälde im Besitz des 2018 Verstorbenen, dessen Erbengemeinschaft sie nun anbot, und von wem hat er sie erworben? Dem Zustand der Bilder zufolge kann es sich nicht um einen wahren Kunstliebhaber gehandelt haben. Fachmännisch restauriert wurden sie nicht. Sie bedürfen dringend der Zuwendung von Restauratoren, bevor sie langfristig ausgestellt werden können, hieß es aus Gotha.

Und der Fall bietet noch mehr Stoff für einen Krimi. Denn filmreif wurden dem Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch im Sommer 2018 fünf Umschläge über seinen Schreibtisch geschoben, von einem Anwalt im Auftrag der Erbengemeinschaft. In jedem Umschlag ein Farbfoto eines der 1979 gestohlenen Gemälde niederländischer Alter Meister. Bis dahin existierten nur Schwarz-Weiß-Fotos der Bilder aus dem Archiv der Stiftung Schloss Friedenstein.

Gestohlene Gemälde aus Gotha sind echt

Es folgten geheime Verhandlungen. Mehr als fünf Millionen Euro verlangte die Erbengemeinschaft für die fünf Gemälde. Sie lieferte eine abenteuerliche, wenig plausible Erwerbsgeschichte. Am 30. September dann wurden die Bilder in Berlin an Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch übergeben. Ein Gänsehautmoment, wie er sagte.

Die Bilder wurden dann ins Berliner Rathgen-Forschungslabor gebracht, um sie auf ihre Echtheit zu prüfen. Im Dezember 2019 wurde die Öffentlichkeit über die wiederaufgetauchten Bilder informiert. Seit Anfang Januar ist klar: Die Gemälde sind die Originale.

Inzwischen wird die Erbengemeinschaft von einem neuen Anwalt vertreten. Ob sie eine Art Finderlohn bekommen hat und ob das Verfahren wegen Hehlerei gegen sie eingestellt wird, soll am Freitag in Berlin bekannt gegeben werden, hieß es. Fest steht, die Bilder kehren noch in dieser Woche nach Gotha zurück.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 14. Januar 2020 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2020, 09:00 Uhr

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