Straßenbahn fährt im Nebel
Bildrechte: MDR/DRA

DDR-Oberliga - Die Wendesaison Dicke Luft: Erstmals Spielabsage wegen Smog

30. November 1989 | 13. Spieltag

Die Wende in der DDR krempelte auch den Fußball um. Als großen Anfang kann man die kurzfristige Absage des für den 1. Dezember 1989 vorgesehenen Oberliga-Spiels 1. FC Lok Leipzig gegen Dynamo Dresden betrachten. Die Partie wurde um vier Tage verlegt. Den Grund konnte man im wahrsten Sinne des Wortes riechen - schlechte Luft bzw. Smog. Die Absage war ein Novum im DDR-Fußball.

von Sven Kups

Straßenbahn fährt im Nebel
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"Industrienebel", wie der Smog in der DDR auch gern bezeichnet wurde, war in Leipzig, aber auch in den Bezirken Magdeburg und Halle nichts Ungewöhnliches. Die Städte waren immer wieder in die stinkenden, dunklen und vor allem gesundheitsschädlichen Luftmassen eingehüllt. Teilweise sah man die Hand vor Augen nicht. "Besonders schlimm war es südlich von Leipzig", erinnert sich Gisela Kallenbach, die sich in den 80er-Jahren in einer kirchlichen Umweltgruppe in Leipzig engagiert hat: "Auf der Straße von Altenburg nach Leipzig musste die Polizei oft die Fahrbahn mit Fackeln markieren, weil man so schlecht gesehen hat."

Leipzig im Jahr 1990
Nebel bedeutete für Leipzig fast immer dicke Luft. Bildrechte: imago/Heiko Feddersen

Wetter und Dreck

Smog in der DDR war vor allem auf eines zurückzuführen: Braunkohle, der Haupt-Energieträger der Republik. Braunkohle landete in den Öfen der Wohnhäuser und in den Kraftwerken, von denen es z.B. in der Stadt Leipzig allein mehrere gab. Besonders schlimm wurde es, wenn eine Inversionswetterlage hinzukam und der ganze Ruß, das Schwefeldioxid und die anderen Giftstoffe durch Temperaturunterschiede nicht nach oben wegkamen. Dann konnte man den Dreck riechen, fühlen und z.B. auf der zum Trocknen rausgehängten Wäsche sehen.

Straßenkreuzung in Magdeburg im Smognebel
Auch Magdeburg hatte oft Smog-Probleme. Bildrechte: MDR/DRA

Eine der größten Dreckschleudern in der DDR war das auf halbem Weg zwischen Leipzig und Altenburg gelegene Braunkohle-Veredelungswerk Espenhain. Das hatte sogar einen Emissionsbeauftragten. In den 80er-Jahren war das Christian Aegerter. "In dem Job musste man sich unter anderem darum kümmern, dass die Vorgaben zur Gewässerreinhaltung und der Luftreinigungsanlagen eingehalten werden. Aber das war ein Kampf gegen Windmühlen." Aegerter war auch für die Schadstoffmessungen im Werk Espenhain zuständig. Die Ergebnisse bekam aber kaum jemand zu sehen: "Die waren als streng geheim eingestuft."

Sonnenaufgang am Braunkohlen-Kombinat Espenhain bei Leipzig im März 1990
Das Braunkohle-Veredelungswerk Espenhain bei Leipzig Bildrechte: dpa

Gewendet: aus "Nebel" wird Smog

Das änderte sich in der Wendezeit schnell. Bereits Anfang November 1989 wurde vom Ministerrat eine neue Smog-Verordnung beschlossen. Die beinhaltete auch eine Freigabe der aktuellen Umweltdaten für TV, Radio und Zeitungen – und Smog-Alarmstufen. Bis diese erstmals notwendig wurden, verging kein Monat: Am 29. November wurde die "Smog-Einsatzstufe 1" ausgerufen, am Folgetag dann ab 16:30 Uhr Stufe 2. Im Bezirk Leipzig durften nun im Freien keine Sportveranstaltungen mehr stattfinden. Davon betroffen waren unter anderem die Spiele der Zweitligisten Chemie Leipzig und Chemie Böhlen sowie aller Ligen darunter. Und eben die Partie Lok Leipzig gegen Dynamo Dresden - was die Entscheidung über Herbstmeisterschaft um vier Tage verschob.

Aus den Schloten des Braunkohleveredlungswerkes Espenhain ziehen ätzende Staubwolken und Gasgerüche über das angrenzende Dorf Mölbis.
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 01. Dezember 2019 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2019, 14:02 Uhr

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