#MDRklärt Warum Sachsen-Anhalter wenig Vermögen haben

Im bundesweiten Vergleich haben Sachsen-Anhalter wenig Vermögen. Während Sachsen-Anhalts Privathaushalte im Durchschnitt 2018 etwa 32.000 Euro Nettogeldvermögen haben, liegt der Wert bundesweit bei etwa 55.000 Euro. Woran liegt das? Teil 2 unserer Serie zu den Themen Sparen und Vermögen.

Maria Hendrischke
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von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Collage eines 20-Euro-Scheins, in den ein Prozentzeichen eingerissen ist.
Westdeutsche haben im Durchschnitt mehr Vermögen als Ostdeutsche. Dafür gibt es mehrere Gründe. Bildrechte: imago/MDR/Max Schörm

Ostdeutsche haben im Durchschnitt nicht einmal halb so viel Vermögen wie Westdeutsche. Das ergab eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) für das Jahr 2017. Das Nettovermögen der Erwachsenen in Westdeutschland liegt im Schnitt bei 120.000 Euro – in Ostdeutschland nur bei 55.000 Euro. Zahlen nur für Sachsen-Anhalt liegen dem DIW nicht vor; die Stichprobe ist für belastbare Werte zu klein.

Das ist Nettovermögen

Das Nettovermögen privater Haushalte setzt sich aus dem Geldvermögen, Versicherungsguthaben und Immobilienvermögen eines Haushalts zusammen.

Für die Vermögensunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland gibt es laut DIW fünf Gründe: weniger Immobilienvermögen und niedrigere Löhne im Osten, weniger Sparmöglichkeiten zu DDR-Zeiten und daraus folgend kleinere Erbschaften – sowie eine Bevorzugung von sicheren, aber wenig Rendite abwerfenden Geldanlagen.

Weniger Immobilienvermögen

Ein Bleistift liegt auf dem Grundriss eines Wohnung
Ein Baustein des Vermögens: eine eigene Immobilie. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Der Immobilienbesitz ist laut DIW-Studie ein entscheidender Grund für die Vermögensungleichheit. Denn zum Vermögen zählen nicht nur Geldanlagen, sondern auch ein Eigenheim. Wer demnach in abbezahltem Eigentum wohnt, hat durchschnittlich deutlich mehr Vermögen als ein Mieter. Besitzer einer selbst genutzten Immobilie haben dem DIW zufolge im Schnitt ein Vermögen von 225.000 Euro, Mieter hingegen nur eines von 24.000 Euro, also etwa ein Zehntel davon. Zum einen, weil Eigentümer keine Miete mehr zahlen und also sparen. Zum anderen aber auch, weil ein für den Immobilienkauf aufgenommener Kredit, der zurückgezahlt werden muss, zum Geldsparen und somit zum indirektem Vermögensaufbau "zwingt".

Dieser Vermögensunterschied zwischen Wohneigentümern und Mietern gilt in Ost- und Westdeutschland. Doch in Westdeutschland wohnten 2018 laut Mikrozensus 49 Prozent der Menschen im Eigenheim, in Sachsen-Anhalt mit 45 Prozent etwas weniger. Zudem sind ostdeutsche Immobilien dem DIW zufolge überwiegend weniger wert als westdeutsche.

Laut Vermögensbarometer des deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) planen 27 Prozent der befragten Sachsen-Anhalter zwischen 20 und 50 Jahren, eine Immobilie zu kaufen.

Niedriges Lohn-Niveau

Junge Menschen bis zum Alter von etwa 25 Jahren haben laut DIW-Studie wenig oder gar kein Vermögen. Das liegt vor allem daran, dass erst mit Beginn des Berufslebens Geld verdient wird – und damit überhaupt die Möglichkeit besteht, zu sparen. Da dies in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen gilt, ist der Vermögensunterschied zwischen den Regionen bei jungen Menschen noch klein.

Doch die Löhne im Osten sind nach wie vor niedriger als im Westen. In Sachsen-Anhalt liegt das Durchschnittsgehalt von Vollzeitbeschäftigten bei 2.595 Euro, in Westdeutschland dagegen bei 3.434 Euro im Monat: eine Differenz von mehr als 830 Euro. Das bedeutet weniger Einkommen, von dem im Verlauf des Berufslebens Geld gespart werden kann.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass Ostdeutsche eher als Westdeutsche von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Während im vergangenen Jahr die Arbeitslosenquote nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bundesweit bei 5,2 Prozent lag, waren in Sachsen-Anhalt 7,7 Prozent arbeitslos. Phasen ohne Job schmälern die Geldmenge, von der gespart werden kann.

Weniger Sparmöglichkeiten zu DDR-Zeiten

Je älter die Menschen sind, deren Vermögen betrachtet wird, desto größer treten die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland hervor. Im Jahr 2017 hatten laut DIW-Studie 76- bis 80-jährige Ostdeutsche im Durchschnitt ganze 133.000 Euro Vermögen weniger als gleichalte Westdeutsche. In dieser Altersgruppe war der Vermögensunterschied am extremsten.

Eine Erklärung dafür: Zu DDR-Zeiten hat es kaum Möglichkeiten zum Sparen gegeben. DIW-Studienleiter Markus Grabka erklärte MDR SACHSEN-ANHALT, dass es in der DDR beispielsweise kaum möglich war, Betriebsvermögen aufzubauen, also etwa ein Unternehmen zu besitzen. Der Besitz einer eigenen Immobilie sei eher verpönt gewesen. Auch Zugang zu Investitionen in Aktien oder Fonds habe es nicht gegeben. Wichtige Bausteine zum Vermögensaufbau hätten also gefehlt, fasst Grabka zusammen. Es sei nur geblieben, das Geld auf dem Konto zu sammeln. Und das zeigt sich nun insbesondere im vergleichsweise kleinen Vermögen älterer Menschen.

Kleinere Erbschaften

Der große Vermögensunterschied in der älteren Generation wird auch noch auf die Jüngeren Auswirkungen haben. Denn in Ostdeutschland gibt es aufgrund der schlechteren Sparmöglichkeiten in der DDR laut DIW weniger zu vererben. Hinzu komme, dass die ostdeutschen Immobilien derzeit im Durchschnitt weniger wert seien, ergänzt Grabka. Der regionale Unterschied werde noch mindestens eine Generation lang bestehen bleiben.

Geldanlagen mit wenig Rendite

Insbesondere, wer nur wenig Geld sparen und anlegen könne, lege dieses Vermögen lieber sicher an, sagt Grabka. Aber sichere Anlagen wie etwa ein Sparbuch oder Tagesgeldkonto bringen derzeit nur verschwindend wenig Zinsen. Die Rücklagen können so nicht wachsen.

Aktienkurse in Zeitung.
Risikoreichere Geldanlagen mit mehr Rendite wie Aktien sehen Sachsen-Anhalter kritisch. (Symbolbild) Bildrechte: imago/allOver-MEV

Trotzdem bleiben 40 Prozent der Sachsen-Anhalter laut Vermögensbarometer des DSGV auch in diesem Jahr dem Sparbuch treu. Außerdem bevorzugen sie Tagesgeldkonto oder Festgeld – oder sparen auf dem Girokonto. Gerade letzteres trägt in der aktuellen Niedrigzinsphase jedoch gar nicht zum Vermögenszuwachs bei. Im Gegenteil: Durch die Inflation verliert das so zurückgelegte Geld über die Zeit sogar an Wert.

Die Anlage in Aktien oder Fonds mit höherer Rendite – aber entsprechend höherem Verlustrisiko – sehen Sachsen-Anhalter skeptisch. Nur 31 Prozent der für das DSGV-Vermögensbarometer Befragten hielten diese Anlageform in der Niedrigzinsphase für geeignet. Im Bundesdurchschnitt waren es 41 Prozent.

Und jetzt?

Wie lässt sich Vermögen denn nun gerechter verteilen? Umverteilung sei nicht der richtige Ansatz, meint Grabka. Es gehe nicht darum, den Kuchen anders zu verteilen, sondern vielmehr darum, den Kuchen zu vergrößern: Mehr Menschen müssten in die Lage versetzt werden, überhaupt Vermögen aufbauen zu können, sagt er. Denn wer etwa im Niedriglohnsektor arbeite, könne nichts zur Seite legen. Wie also könnten solche Menschen vermögend werden?

Grabka hat zwei Vorschläge an die Politik. Aus seiner Sicht sollten Menschen mit kleinem oder mittlerem Einkommen, die eine eigene Immobilie besitzen wollen, anders gefördert werden als bisher. Dafür schlägt er ein Mietkaufmodell vor. Dabei wird in einer Art Ratenkauf mit monatlichen Zahlungen eine vom Staat neugebaute Wohnung Stück für Stück gekauft werden. Diese Zahlungen sollten etwa so hoch sein wie eine Miete, aber eben nicht einem Vermieter zukommen, sondern in die eigene Immobilie und somit ins eigene Vermögen fließen, erklärt Grabka.

Außerdem gelte es, die private Altersvorsorge zu verbessern. Die Riesterrente müsse dringend refomiert werden, sagt Grabka, weil sie eine viel zu niedrige Rendite erziele. Die Politik könnte dafür ins Ausland schauen, beispielsweise nach Schweden. Dort zahlt jeder Arbeitnehmer als Teil der Altersvorsorge 2,5 Prozent seines Einkommens in einen Fonds – meist in einen vom Staat geführten. Dadurch werde eine höhere Rendite erzielt, so Grabka. Ein ähnliches Modell wäre seiner Ansicht nach auch für Deutschland denkbar.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2019, 20:00 Uhr

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