Themenwoche Mode Secondhand – von Trash zu Trend

Nachhaltigkeit bekommt nicht erst seit Fridays for Future immer mehr Bedeutung. Auch ein weiteres Phänomen fällt in der Mode auf: Kleidung aus zweiter Hand wird immer salonfähiger, wie der Soziologe Heiko Schrader von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg in der Modewoche von MDR SACHSEN-ANHALT erklärt.

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

von Olga Patlan, MDR SACHSEN-ANHALT

Kleider hängen auf Kleiderstangen.
Im Nähcafé JUHU wird gebrauchte Kleidung angeboten. Bildrechte: JUHU Nähcafé

Seit einiger Zeit lässt sich ein neuer Trend beobachten: Mode aus zweiter Hand wird immer beliebter. War es noch vor einigen Jahren eher verpönt, getragene Kleidung zu kaufen, wird das nun immer gesellschaftsfähiger. Plötzlich werden Flohmärkte mit Eventcharakter und DJs organisiert und Second-Hand-Läden sehen Boutiquen zum Verwechseln ähnlich.

Im JUHU in Halle zum Beispiel wird gut erhaltene Mode aus zweiter Hand präsentiert wie in einem Designer-Laden. Neben Secondhand wird hier auch Upcycling angeboten. Auch in Magdeburg im Zweimalschön wird gespendete Kleidung präsentiert, als wäre sie neu – auf Kleiderpuppen, hübschen Regalen und in einem Wohlfühlambiente.

Was ist Upcycling?

Beim Upcycling werden nicht mehr gebrauchte oder alte Stoffe/Produkte in neuwertige umgewandelt.

Auch erfreuen sich Online-Plattformen wie "Kleiderkreisel", "Mädchenflohmarkt" oder "Kleiderkorb" immer größerer Beliebtheit. Und auch ebay-Kleinanzeigen werden für Klamotten-Kauf oder -Verkauf immer mehr genutzt. Auf den Flohmärkten wie "relove" oder Frauenklamotte treffen sich modebewusste Freundinnen entweder zum Einkauf, Verkauf oder zum Schlendern durch die Stände. Doch woher kommt der Trend? Das beantwortet für uns der Soziologe Heiko Schrader.

Soziologe erklärt: Daher kommt der Konsumwandel

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Schrader, wie kann man den Trend, dass Second Hand immer beliebter wird, erklären?

Heiko Schrader: Als Soziologe würde ich das auf zwei Ebenen erklären. Das eine ist natürlich die ganze Diskussion um Nachhaltigkeit. Die andere Ebene aus meiner Sicht ist eine Form von Kapitalismuskritik. Zu sagen: Müssen wir denn immer weiter konsumieren, konsumieren, konsumieren? Oder können wir nicht irgendwie auch reduzieren, indem wir bestimmte Produkte zum Beispiel länger benutzen, aber eben auch indem wir etwa auf gebrauchte Waren zurückgreifen. Also das sind zwei Trends, die zusammengehören, aber analytisch natürlich getrennt diskutiert werden können.

Aber warum ist dieser Trend gerade jetzt zu spüren?

Das eine ist natürlich die Bewegung rund um Greta Thunberg – also das Bewusstsein, das gerade bei der jungen Bevölkerung geweckt wurde. Wir haben aber auch schon etwas länger eine Ethik-Diskussion dahingehend. Wir sind irgendwo in einer Gesellschaft angekommen, die schon jenseits des Massenkonsums ist. Also wo Leute wirklich Fragen stellen, wo Leute zumindest in bestimmten Schichten hinterfragen, ob weiterer Konsum glücklich macht und dann eben, ob nachhaltige Produkte gehen.

Das ist dieser Trend, der in den Köpfen der Menschen angekommen ist, nicht nur zu sagen: Vielleicht tue ich mir etwas Gutes, wenn ich schöne Secondhand-Kleidung finde, sondern auch, und das ist dann wirklich gesellschaftsrelevant, da wird weniger produziert, dadurch wird Umweltschädlichkeit vermieden, in dem einfach Dinge länger und weiter getragen werden von anderen Personen.

Kann man bei diesem Trend regionale Unterschiede festmachen?

Das ist schwierig zu sagen. Grundsätzlich kann man die Entwicklung dahingehend beobachten, dass wir eine bestimmte Phase des nachholenden Massenkonsums haben bis ein Niveau erreicht ist, bei dem die Leute alle notwendigen Konsumgüter und darüber hinaus auch Luxusgüter haben. Dass dann eben dieser Gegentrend einsetzt, zu sagen: Ok, ich merke, ich habe alles und brauche nicht unbedingt immer mehr, mehr, mehr.

Kleider in einem Schaufenster
Im Nähcafé JUHU kann auch eigene Kleidung genäht werden. Bildrechte: Nähcafé JUHU

Man muss aber auch feststellen, dass solche ethischen Gegentrends in jeder wirtschaftlichen Krise wieder den Bach runtergehen. Das wird sich jetzt nicht so sehr auf Secondhand-Kleidung beziehen, das würde ja vielleicht sinnvoll sein, da spart man ja auch Kosten. Aber alles, was etwa mit fairem Handel zu tun hat, das geht dann zurück, weil die Leute meinen, sie müssen das Geld zurückhalten. Also ich sehe das nicht als Geldzusammenhaltstrend, wenn es um Secondhand-Kleidung oder Möbel geht, sondern ich sehe da etwas Ethisches.

Kann man sagen, dass in bestimmten gesellschaftlichen Schichten der Trend stärker ausgeprägt ist?

Ich habe da keine eigenen Untersuchungen gemacht. Ich vermute mal, dass es da einen Zusammenhang gibt. Also gerade im karitativen Bereich, also spendenbereit zu sein und erstmal etwas für Secondhand zur Verfügung zu stellen.

Es ist ein ganz interessanter Trend, den ich von Secondhand-Läden-Mitarbeitern gehört habe, dass sie sich beklagen, dass seitdem es ebay gibt, die Spendenbereitschaft rapide zurückgeht. Jeder versucht da irgendwie Geld mit zu machen, anstatt zu sagen, ich geb das jetzt einer karitativen Institution. Weggeben, das ist also eher ein Trend, bei denen, die etwas besser gestellt sind. Und der Trend, sich mit der Umwelt stärker auseinanderzusetzen, findet bei den Studenten ganz stark statt.

Wird der Trend aus Ihrer Sicht anhalten oder geht er eher zurück?

Was interessant zu beobachten ist, dass wenn die Industrie merkt, da passiert etwas in der Gesellschaft, dann springt die Industrie auf diesen Zug auf. Wir erleben bestimmte Verdrängungseffekte. Da ist zum Beispiel eine eher alternative Person und die sagt, ich mache einen Secondhand-Laden auf und das ist toll und ich kann davon leben. Oder ein anderes Beispiel, als es losging im Umweltbereich mit dem Carsharing. Das waren zuerst ganz soziale Organisationen, die damit anfingen und ganz schnell erleben wir, wie Automobilfirmen in den Markt drängen und die ganzen kleinen sozialen Unternehmen verdrängen.

Ich vermute, dass wenn der Trend erkannt wird, wird es auch irgendwann in der Bekleidungsindustrie passieren, dass Modefirmen ihre Secondhand-Kaufhäuser ins Leben rufen. Auch bei den Menschen vermute ich, dass der Trend zur Nutzung der Ware aus zweiter Hand anhalten wird.

Soziologe Heiko Schrader
Heiko Schrader, Professor für Soziologie Bildrechte: Uni Magdeburg

Über Heiko Schrader Heiko Schrader ist Professor für Soziologie an der Otto-von-Guericke-Universität in Halle. Er ist unter anderem auf Wirtschaftssoziologie spezialisiert und forscht in den Bereichen sozialer Wandel und Wirtschaftsethik.

Die Fragen stellte Olga Patlan.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. November 2019 | 11:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019, 16:57 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/cf1ba2e6-ad9e-4902-8421-dc448be1a5c8 was not found on this server.

Mehr aus Sachsen-Anhalt