NSU-Terror Zwickau - eine zerrissene Stadt

Acht Jahre ist es her, dass Zwickau über Nacht weltbekannt wurde - als Unterschlupf des Nationalsozialistischen Untergrunds. Beate Zschäpe, als einziges noch lebendes Mitglied des NSU, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, bis kommenden März wird der Richter auch die Urteilsbegründung vorlegen. Die juristische Aufarbeitung der Morde an neun Männern ausländischer Herkunft und einer deutschen Polizistin ist damit abgeschlossen. Aber für Zwickau bleibt eine schwere Last.

von Matthias Reiche, MDR AKTUELL

Zwei Frauen legen Blumen und Kerzen an einem Gedenkort in Zwickau nieder
Blumen und Kerzen am Gedenkort für die Opfer des NSU in Zwickau Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Der Schwanenteichpark im Zentrum der Stadt ist ein Muster deutscher Gartenkunst des 19. Jahrhunderts. Für die Zwickauer ist die Anlage heute gleichermaßen Erholungsinsel und Gedenkort, erzählt der Maler und Grafiker Christian Siegel. "Wir sehen am Ende der Ziegelwiese das VVN-Denkmal. Über 300 KZ-Häftlinge sind dort bestattet. Gegenüber sehen wir die zehn neuen Gedenkbäume. Sie sollen an die Opfer des NSU-Terrors erinnern."

Ein kleiner Ehrenhain. Etwas im Hintergrund steht ein Polizeiwagen. "Es ist leider nötig, dass die Bäume bewacht werden. Der erste gepflanzte Gedenkbaum wurde leider abgesägt."

"Was hat euch der Baum getan?" steht auf einem Zettel, den jemand an die Stelle gelegt hat. Über die Täter könne man nur spekulieren, sagt René Hahn, der für die Linke im Stadtrat sitzt. Zwickau sei keine Nazi-Hochburg, aber die rechte Szene sei seit einiger Zeit wieder präsenter: "Weil sie auch durch Parteien, über die sie jetzt ein Sprachrohr finden, wie die AfD, mehr Mut haben, in die Öffentlichkeit zu gehen. Und rechte Akteure an sich leben noch in Zwickau. André Eminger, der im NSU-Prozess mitangeklagt war, lebt hier in der Region."

Oberbürgermeisterin mit viel Unterstützung

Die rechtsextreme Szene sei aktiv, sagt auch Oberbürgermeisterin Pia Findeiß, die mehrmals schon persönlich bedroht wurde. Gleichzeitig bekommt sie viel Unterstützung. Durch die zahlreichen Spenden nach dem Vorfall mit dem abgesägten Gedenkbaum konnte, schneller als ursprünglich geplant, für jedes NSU-Opfer ein Baum gepflanzt werden. Aber es bleibt die Frage, wie Zwickau mit dem Terror des NSU umgeht: 

Die Oberbürgermeisterin von Zwickau, Pia Findeiߟ (SPD), auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer des NSU.
Oberbürgermeisterin Pia Findeiߟ (SPD) Bildrechte: dpa

"Es gibt einen ganz geringen Teil, die sogar anzweifeln, dass das überhaupt so passiert ist. Es gibt einen Teil, die sagen, ja, das ist hier passiert und lasst uns jetzt nicht mehr darüber reden. Und es gibt einen Teil, die sagen, wir müssen damit umgehen. Wir können das nicht aus unserer Geschichte einfach tilgen. Und es gibt auch einen Teil, die es wieder extrem sehen, dass wir jeden Tag darüber berichten sollen und dass wir uns das Büßerhemd überziehen sollen und dass wir schuldig sind", so Findeiß.

Zwickau sei eine zerrissene Stadt, sagt der Streetworker Christoph Ullman. Die Ereignisse um den NSU waren eine Zäsur im öffentlichen Leben: "Aber, es ist inzwischen eben Geschichte. Das in die Geschichte eingehen zu lassen, ist ja nicht vergessen oder verdrängt. Sondern das ist eine richtige Zuordnung und dass dieser Graben, der da ist, nicht noch weiter ausgeschachtet wird." 

Landesregierung plant Dokumentationszentrum

Das Thema NSU bleibt auch für die neue sächsische Landesregierung auf der Tagesordnung. So vereinbarten CDU, SPD und Grüne in ihrem Koalitionsvertrag, ein Dokumentationszentrum in Zwickau einzurichten. Eine gute Idee, findet auch Oberbürgermeisterin Findeiß. Man müsse die Lehren ziehen, aus allem, was bekannt wurde, nachdem in der Zwickauer Frühlingsstraße das Haus explodiert war, in dem der NSU jahrelang seine Mordpläne geschmiedet hatte. "Ich könnte mir vorstellen, dass dies sogar dort an diesem Ort entsteht. Als Forschungsstätte, Bildungsstätte, Dokumentationsstätte, eventuell sogar verbunden mit einer Jugendherberge. Aber nicht die Stadt allein. Die Stadt Zwickau kann das nicht leisten. Wir sind gern bereit, mitzuwirken, aber das muss eine Bundes- und Landeseinrichtung werden."

Zwickau habe sicher eine besondere Rolle im NSU-Komplex. Aber für Aufklärung und Bildung, dafür, dass sich so etwas nicht wiederholt, müsse Deutschland  insgesamt die Verantwortung übernehmen. 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Dezember 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Dezember 2019, 05:00 Uhr

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