Eine Pflegerin hilft einem Mann beim Hinsetzen und Aufstehen aus dem Bett.
Sind alle sozialen Schichten in FSJs und FÖJs vertreten? Bildrechte: IMAGO

Faktencheck Erreicht das Freiwillige Soziale Jahr Arme und Reiche nicht?

Früher gab es Wehrpflicht oder Zivildienst, heute ist das freiwillig. In der CDU gibt es darüber Diskussionen - viele fordern die Rückkehr zu einer Dienstpflicht, auch Verteidigungsstaatssekretär Tauber. Er argumentiert, dass eine solche Pflicht die Eliten mit den sozial Schwachen zusammenbringen kann, den reichen Zahnarztsohn mit der Hartz-IV-Empfängerin. Doch diese Gruppen würden mit den Angeboten nicht erreicht. Stimmt das? Machen Reiche und Arme einen Bogen um den Freiwilligendienst?

von Andre Seifert, MDR AKTUELL

Eine Pflegerin hilft einem Mann beim Hinsetzen und Aufstehen aus dem Bett.
Sind alle sozialen Schichten in FSJs und FÖJs vertreten? Bildrechte: IMAGO

Bei der Volkssolidarität alte Menschen pflegen, bei einem Abgeordneten Akten schreddern, im Verein Denkmäler putzen, in der Kita mit Kindern kreativ werden oder im Wald Insektenhotels bauen – all das und noch vieles mehr ist in einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) oder Ökologischen Jahr (FSÖ) möglich.

Sozialforscher befürchtet Verlust des freiwilligen Charakters

Freiwillige für so ein Jahr gebe es genug, erklärt Dietrich Engels vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik: "Das Interesse am Freiwilligen Sozialen Jahr und Freiwilligen Ökologischen Jahr ist recht gut und hat auch in den letzten Jahren zugenommen", erzählt Engels. "Und auch die Teilnehmerstruktur hat sich jetzt stärker gemischt."

Dietrich Engels Institut erforscht im Auftrag der Bundesregierung seit Jahren, wie, wo und von wem die freiwilligen Dienste genutzt werden. Es befragt dazu Träger und Teilnehmer. Dabei stellt es fest: Rund 60 Prozent der Teilnehmer sind weiblich. Über 60 Prozent haben mindestens Abitur. Auf der anderen Seite steige der Anteil der Teilnehmer aus sozial schwächeren Schichten. 20 Prozent hätten einen Migrationshintergrund.

Das Verhältnis könne sich zwar weiter angleichen, führte man eine Dienstpflicht ein, sagt Dietrich Engels. Doch eine Pflicht habe auch einen Nachteil. Es bestehe die Möglichkeit, dass der freiwillige Charakter verloren gehe und Verpflichtete sich nicht mehr aus Überzeugung für die Gesellschaft engagieren würden: "Und man muss sagen, dass das ein sehr wichtiges Element ist, dass es eben eine Entscheidung für diesen Dienst ist und dass damit das Engagement authentischer und überzeugter daherkommt."

Alle sozialen Schichten vertreten

MDR AKTUELL hat mit verschiedenen Trägern in Mitteldeutschland gesprochen, die Freiwillige Soziale und Ökologische Jahre anbieten. Die Auskunft ist immer die gleiche: Die Dienste werden von allen sozialen Schichten wahrgenommen.

Aus dem Verein "Freiwillig im Erzgebirge" zum Beispiel heißt es, vor allem Hartz-IV-Empfängerinnen mit schwierigen Biografien nutzten die Dienste als Sprungbrett zurück ins Berufsleben. Dagegen liegen bei der Sächsischen Jugendstiftung vor allem Bewerbungen aus besser betuchten Familien auf dem Tisch, die Soziale Jahre zum Beispiel in Stiftungen, Ministerien oder Gewerkschaften machen wollen. Und die Diakonie Mitteldeutschland erklärt, man erreiche mit den Angeboten sowohl Studenten als auch Azubis. Sprecher Frieder Weigmann erklärt: "Wir haben Teilnehmende in unseren Freiwilligendiensten, die gehen ins Ausland, weil sie nach dem Abitur noch eine Wartezeit haben. Wir haben Menschen, die Medizin studieren wollen und ein Wartesemester haben und das überbrücken. Wir haben Menschen, sie sich in einer Ausbildung orientieren wollen. Da ist alles dabei."

Das Fazit: Die freiwilligen Dienste erreichen jetzt schon alle sozialen Schichten, am häufigsten die mittlere. Doch selbst der reiche Zahnarztsohn und die arme Hartz-IV-Empfängerin begegnen sich in einem Freiwilligen Sozialen Jahr mittlerweile immer häufiger.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Dezember 2019 | 06:18 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2019, 05:00 Uhr

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