Heinrich-Heine-Gemeinschaftsschule
Bildrechte: MDR/Maria Selchow

Wochenserie bei MDR um 4 Sch... Schule? Alltag einer Brennpunktschule

An der Heinrich-Heine-Gemeinschaftsschule in Halle-Neustadt lernen fast 800 Schüler aus 29 Nationen. Das Plattenbaugebiet gilt als sozialer Brennpunkt. Trotzdem läuft es gut an der Schule! Denn Eltern, Lehrer und Schüler ziehen an einem Strang und sind füreinander da. Individuelle Förderung, kreative Lernkonzepte und Kooperation mit Nachbarn und Firmen helfen den Schülern, den Abschluss zu erreichen und dabei auch noch Freude zu haben.

Heinrich-Heine-Gemeinschaftsschule
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Die Schulzeit ist die vielleicht prägendste Zeit des ganzen Lebens. Zur Themenwoche "Zukunft Bildung" wollen wir wissen: Wie sieht Schulalltag heute aus? Welche Probleme gibt es und wie kann man sie anpacken? Eine Woche lang haben wir die Gemeinschaftschule "Heinrich Heine" im Plattenbauviertel Halle-Neustadt besucht. Schüler, Eltern und Lehrer unterschiedlichster Herkunft treffen hier aufeinander, engagieren sich und tragen ihre Konflikte aus. Mindestens zehn Jahre Schulalltag mit Unterricht, tiefen Freundschaften, unterschiedlichen Lehrerpersönlichkeiten und vielen beeindruckenden Erfahrungen - positiven wie negativen.

Gemeinschaftsschule

Kinder im Gitarren-Unterricht
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Hier wird ab Klasse 5 möglichst lang gemeinsam gelernt - ohne dass von Anfang an der Schulabschluss feststeht. Wer die Schule nach der 9. Klasse verlässt, erhält einen Hauptschulabschluss, nach Klasse 10 ein Realschulzeugnis und nach 13 Jahren winkt das Abitur.

In Sachsen-Anhalt ist die Gemeinschaftsschule im Jahr 2012 im Rahmen eines neuen Schulgesetzes neben dem mehrgliedrigen Schulsystem eingeführt worden.

An der Heinrich-Heine-Schule ist Frontalunterricht eher die Ausnahme. An zwei Tagen der Woche finden Arbeitsgemeinschaften schon vormittags statt. Zirkus-AG, Bastelkreis oder Gitarrenunterricht - wer sich dabei austoben kann, geht später motivierter und ausgeglichener in den Schulunterricht zurück.

Referendar in seiner Klasse
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Die Lehrer sind mit viel Herzblut dabei. Referendare verdienen sich ihre ersten Sporen im Praxisunterricht, oft werden die Junglehrer dabei bereits wie erfahrene Lehrkräfte eingesetzt, weil der Lehrermangel an fast allen Schulen Sachsen-Anhalts extrem ist. Daher wird verstärkt um Quereinsteiger aus anderen Berufen geworben. Elf dieser Neu-Lehrer unterrichten an der Schule, sie büffeln neben der Arbeit noch für Zusatzqualifikationen und erwerben ganz nebenbei den pädagogischen Hintergrund, der ihnen noch fehlt.

Quartierschule

Schulgarten
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Die Gemeinschaftsschule versteht sich als Stadtviertelschule. Für den 2018 angelegten Schulgarten hat eine Wohnungsgesellschaft das Land zur Verfügung gestellt. Gemeinsam mit Anwohnern haben die Schüler und Lehrer Stück für Stück ein grünes Paradies geschaffen, das den Sommer jedoch nur durch die Hilfe der Nachbarn überlebt hat. Grillfeste und Treffen finden nun gern im Garten statt. Die Kleinen der Partner-Kita bewirtschaften ein eigenes Beet. So reicht das Schul-Engagement bis ins Stadtviertel hinein.

Fördern und helfen

Immer mehr Kinder mir Förderbedarf lernen zusammen. Im Jahr 2015 musste die Heinrich-Heine-Schule ad hoc 200 Flüchtlingskinder aufnehmen und unterrichten. Sprachlehrer wurden geholt, eigene Klassen gebildet, damit jedes Kind dort abgeholt werden konnte, wo es stand. Heute sind die meisten dieser Kinder in normalen Schulklassen integriert und die ersten haben bereits einen Schulabschluss erreicht.

Schule vor Hochhaus
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Für Kinder mit psychischen Problemen oder ADHS wendet die Schule unkonventionelle Lehrmethoden an. Viel Bewegung, viel Praxisunterricht, längere Pausen - all das hilft solchen Schülern, den Lerninhalten zu folgen und Erfolge zu haben Da wird schon mal ein auffälliger Fünftklässler in eine 9. Klasse gesetzt oder eine Sonderklasse gebildet.
Für Schulschwänzer wurde schon früh ein spezielles Programm aufgelegt, um diese Kinder wieder zurück in die Schule zu holen und ihnen schließlich einen Abschluß zu ermöglichen.

Christian Kamalla mit einer Schülerin
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Der Schulsozialarbeiter spielt dabei eine wichtige Rolle. Trotzdem Christian Kamalla nur zeitlich begrenzte Verträge erhält, ist er für die Schule unersetzlich. Er vermittelt bei Streitereien, gibt Nachhilfe, arbeitet eng mit den Eltern zusammen und begleitet die Kinder zum Beispiel zum Psychologen. In den Klassen unterstützt er die Lehrer in schwierigen Situationen.

Tatsächlich ist es so, dass man manchmal das Gefühl hat, dass man gegen Windmühlen kämpft. Ergebnisse lassen sich nicht so schnell zeigen wie bei einem Installateur. Wenn ich ein Klo montiere, ist das Klo dran. Dann habe ich was geschafft. Das zeigt sich manchmal erst in dem Abschluss des Schülers. Wenn ich sehe, dass ein Schüler seinen Abschluss in der 10. oder 9. gemacht hat, dann ist das Erfolg.

Christian Kamalla, Schulsozialarbeiter

Berufsvorbereitung

Der Schulabschluss ist etwas Großartiges - aber auch etwas beängstigend. "Was soll ich eigentlich werden?", fragen sich die meisten. An der Heinrich-Heine-Gemeinschaftsschule will man die Schüler optimal auf die Zeit nach den Abschluß vorbereiten, zum Beispiel mit Praktika, Kooperationsprojekten und Erfahrungen ausserhalb der Schule. Und es gibt den Berufetag. Das ist eine eigene kleine Berufemesse in der Schule - von Schülern für Schüler. Gut auch für die, die die Schule gern so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen.

Jugendliche kochen
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Zum Berufetag erklären Schüler der 10. Klasse den Neuntklässlern verschiedene Ausbildungsmöglichkeiten. Hauswirtschaftsunterricht gibt es sowieso für alle, aber wenn die Cafeteria in ein Restaurant umfunktioniert wird, dann treffen sich Unterricht und Praxis. Zum Unterricht gehören aber auch Wäsche waschen, Informationen über Miete und Versicherungen, einen Haushalt führen oder mit Finanzen umgehen. Denn das Leben nach der Schule bedeutet vor allem Selbstständig-Sein.

Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse bei Berufetag
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Auch Firmen kommen zum Berufetag, um sich zu präsentieren und um Nachwuchs zu werben. Dank enger Kooperation sind schon einige Lehrverträge unterschrieben worden und die Schüler erhalten schon früh Einblicke ins Berufsleben. Die Heinrich-Heine-Gemeinschaftsschule hat für ihre vorbildiche Berufsorientierung das "Berufswahlsiegel" verliehen bekommen. Sie muss dafür regelmäßig nachweisen, was alles getan wird, um die Schülerinnen und Schüler für einen Beruf oder ein Studium zu motivieren.

Schulabschluss

Schülerinnen und Schüler bei einer Abschlussfeier
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An einer Gemeinschaftsschule können alle Bildungsabschlüsse erworben werden. Während Sachsen-Anhalt mit einer Abbrecherquote von 11,4 Prozent einen traurigen zweiten Platz im bundeweiten Vergleich einnimmt, sticht die Heinrich-Heine-Gemeinschaftsschule heraus: Nur zwei von 90 Absolventen haben 2019 keinen Abschluss erhalten. Das kreative Konzept der Schule könnte der Grund dafür sein.

Schule vor Hochhaus 5 min
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MDR FERNSEHEN Mo, 11.11.2019 16:00 16:30

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 11. November 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2019, 14:20 Uhr