Kinder klatschen Beifall in der Musikalischen Komödie in Leipzig.
Kinder klatschen Beifall in der Musikalischen Komödie in Leipzig. Sollten Theaterbesuche für Schüler zur Pflicht werden? Dazu hat MDR KULTUR die mitteldeutschen Intendantinnen und Intendanten umfassend befragt. Bildrechte: dpa

Intendantenbefragung von MDR KULTUR Theaterbesuche für Schüler als Pflicht?

Kinder klatschen Beifall in der Musikalischen Komödie in Leipzig.
Kinder klatschen Beifall in der Musikalischen Komödie in Leipzig. Sollten Theaterbesuche für Schüler zur Pflicht werden? Dazu hat MDR KULTUR die mitteldeutschen Intendantinnen und Intendanten umfassend befragt. Bildrechte: dpa

75 Prozent der mitteldeutschen Theaterintendanten sprechen sich in einer Umfrage von MDR KULTUR dafür aus, dass Schauspiel- und Musiktheaterbesuche (wieder) in die Lehrpläne der Schulen als Pflichtveranstaltung integriert werden. Für Intendantin Sibylle Tröster vom Theater Waidspeicher in Erfurt ergibt sich dies aus der öffentlichen Finanzierung von Theatern. Diese sei mit einem kulturellen Bildungsauftrag verbunden, eine Vernetzung von Schule und Theater daher sinnvoll: "Sie würde die Lehrerinnen und Lehrer, die mit ihren Schülern ins Theater gehen wollen, auch gegenüber ihren Schulleitern stärken."

Ansgar Haag
Ansgar Haag, Intendant des Meininger Staatstheaters Bildrechte: Sebastian Stolz/filmwild.de

Auch Intendant Ulrich Fischer vom Theater Eisleben denkt, dass die Integration in die Lehrpläne einen positiven Effekt vor allem auf Lehrer und Schulleiter ausüben könnte: "Da fehlt es mancherorts am Engagement". Und Theaterintendant Ansgar Haag aus Meiningen schlägt vor, dass die zuständigen Kultusministerien wieder klassische Werke des europäischen Kanons für die Schulen festschreiben sollten, "damit Theater sich danach richten können, diese Werke dann im Spielplan anzubieten".

Ein roter Bühnenvorhang 8 min
Bildrechte: Colourbox.de
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Hilft Zwang weiter?

Doch es gibt auch kritische Stimmen. Intendant Steffen Mensching vom Theater Rudolstadt ist überzeugt, dass "formaler Theaterzwang, der die Kids nicht überzeugt und in ihren Sehnsüchten abholt", dauerhaftes Desinteresse produziere. Auch Karen Stone, Generalintendantin des Theaters Magdeburg sagt, dass Zwang selten einen entsprechenden Erfolg habe. Sie plädiert mit Blick auf das Musiktheater stattdessen für eine flächendeckende Musiklehrerausbildung und den Aufbau einer eigenen Musikhochschule in Sachsen-Anhalt. Diese würde dafür sorgen, "die Wertschätzung für Kunst, Kultur und Musik insgesamt in breiteren Bevölkerungsanteilen in einem Bundesland zu stärken".


Theater müssen sich weiter öffnen

Grundsätzlich besteht bei den Befragten insofern Einigkeit, als dass die Kooperation der Theater mit Schulen immer sinnvoll ist und kulturelle Bildung, Heranführung an Kunst, spielerisches Lernen und Persönlichkeitsbildung dabei gewährleistet werden können. Gleichzeitig weisen einige Intendantinnen und Intendanten darauf hin, dass die Theater konkrete generationen-spezifische Produktionen und Vermittlungsvarianten anbieten müssen, um junges Publikum anzuziehen. Im Bereich des Musiktheaters sprechen sich knapp drei Viertel Prozent der Befragten dafür aus.

So erklärt etwa Intendantin Kathrin Kondaurow von der Staatsoperette Dresden, dass es unbedingt notwendig sei, das Image des Musiktheaters aufzubessern: "Die Oper, der Kunstgesang erscheinen fremd, Hörgewohnheiten haben sich geändert. Hier muss man einen neuen Zugang finden, was in meinen Augen mit der Aufweichung von Spartentrennung und Kategorisierung nach E- und U-Musik einhergehen muss". Kondaurow fordert dementsprechend, dass ein neuer Diskurs zum Theater-, Performance- und Musik-Begriff geführt werden müsse.


Die mittlere Zuschauergeneration fehlt

Zur Frage, wie hoch das Durchschnittsalter des Publikums derzeit sei, können die meisten Befragten keine konkreten Angaben machen. Intendant Ingolf Huhn vom Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz sieht auch keinen Sinn darin, Durchschnittswerte zu ermitteln: "Wir haben große Zuschauergruppen im Kinderbereich, in der Jugend und bei Älteren. Das ergibt einen Durchschnitt um die 40, wo wir aber am wenigsten Zuschauer haben." Auch Intendant Johannes Rieger vom Nordharzer Städtebundtheater führt an, dass der Durchschnitt vermutlich genau jenes mittlere Alter wäre, bei dem man aber in der Realität noch die Folgen der Nachwende-Abwanderung spüre.

Joachim Klement, Intendant des Staatsschauspiels Dresden
Joachim Klement, Intendant des Staatsschauspiels Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Anders Intendant Joachim Klement vom Staatsschauspiel Dresden. Er nennt die Altersstruktur des Publikums insgesamt "erfreulich ausgeglichen". Schaue man aber auf die einzelnen Häuser, sei der Anteil älterer Besucher unter Besuchern des Schauspielhauses größer, das Publikum der Bürgerbühne dagegen zu einem großen Teil jünger als 30 Jahre alt: "Die Altersstruktur des Publikums der Bürgerbühne spiegelt die Struktur der Teilnehmer wieder".

Zum Projekt Intendantenbefragung MDR KULTUR hat in einer repräsentativen Erhebung die Intendantinnen und Intendanten aller 32 Stadt- und Landes- und Staatstheater in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt. In 16 Fragen wollten wir unter anderem wissen, ob die Theaterleitungen angesichts der aktuellen politischen Debatten die Freiheit der Kunst in Gefahr sehen, ob es an der Zeit für neue Finanzierungsmodelle ist, und ob die Idee, Theaterbesuche in Zukunft kostenlos zu machen, Unterstützung findet. Die Ergebnisse der Befragung geben wir in diesem sowie in weiteren Artikeln (siehe unten) wieder. Die Befragung wurde durchgeführt von Theaterredakteur Stefan Petraschewsky und Opernredakteurin Bettina Volksdorf.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur 6 min
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

MDR KULTUR - Das Radio Mo 19.08.2019 08:40Uhr 06:06 min

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Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur 6 min
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Zuschauerraum im Theater 6 min
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Ein Mann und eine Frau stehen vor einer Video-Projektion, darauf ist ein Planet im Weltall mit drei Menschen zu sehen. 4 min
Bildrechte: Rolf Arnold

Mehr zur Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. August 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2019, 04:00 Uhr

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